Der letzte Zug der Linie 10 rattert durch die

Ruinen von Piräus, seine Lampe flackert über den

verrosteten Gleisen. Der Betrieb ist seit drei

Monaten eingestellt – nachdem der Staat die

Münzprägung abgeschafft hatte, brach das

Verkehrssystem zusammen. In Athen gibt es keine

Fahrkarten mehr, nur noch Warteschlangen an den

Kontrollpunkten, wo Soldaten mit gezogenen

Pistolen stehen und jede Bewegung registrieren.

Ein Mädchen im grauen Mantel steht vor dem

letzten Signallicht. Sie hat kein Ticket, aber

sie kennt den Code: jeder Mensch, der auf der

Liste der „Fahrtverbote“ steht, wird ohne

Anhörung abgeholt. Sie schließt die Augen und

zählt bis sechs – dann läuft sie los.

Drei Stunden später liegt sie am Boden unter der

Kolonnade des Parthenon. Ihr Bein blutet, doch

sie kann nicht schreien. Hinter ihr nähern sich

Schritte. Ein Mann tritt aus dem Schatten –

charismatisch, lächelnd, in einem dunklen Umhang,

der früher wohl ein Abendanzug war. Er sagt

nichts. Nur ein Nicken. Dann reicht er ihr eine

Pistole.

Sie nimmt sie. Nicht weil sie will, sondern weil

der nächste Schritt schon feststeht: die Fahrt

fortsetzen. Ihre Handschrift wurde gefunden – in

einer Botschaft, die niemand geschrieben hat.

Der Krimi ist nicht mehr nur ein Fall. Er ist

die neue Ordnung.

In der Nähe explodiert ein Licht. Eine Sirene

heult auf. Der Mann schießt. Nicht auf sie. Auf

die Kamera an der Wand. Der Film läuft weiter –

aber jetzt ohne Zuschauer.

Sie rennt. Durch die zerbrochenen Fenster des

alten Rathauses, hinunter in die Tunnel, wo die

ersten elektrischen Leitungen gelegt wurden.

Dort findet sie einen Brief: „Du bist nicht die

erste. Du wirst nicht die letzte sein.“

Am Ende des Tunnels: ein Türrahmen. Keine Tür.

Nur ein Holzständer, darauf ein Zettel:

„Hoffnung ist eine Wahl. Mach sie.“

Sie hält die Pistole in der Hand. Atmet. Dann

legt sie sie auf den Boden.

Die Sonne steigt über die Akropolis. Erst einmal.

Erst heute.

Keine Schritte mehr hinter ihr. Keine Kameras.

Kein Gesetz. Nur die Luft. Und das Geräusch

eines neuen Tages.