Der Mann im Anzug tritt durch die Tür des alten

Wohnhauses. Die Klinken der Fenster sind

verrostet, die Tapete blättert ab. Er hat den

Schlüssel nicht geklaut, sondern geerbt. Die

Matriarchin hat ihn nie gebeten, zu kommen. Sie

hat ihn nie erwarten lassen.

Die Küche riecht nach Kohle und Verwesung. Auf

dem Tisch liegt ein Brief, gefaltet in einer Art

Grußformel, die niemand mehr benutzt. Er öffnet

ihn. Es ist kein Wort darin. Nur eine Zahl. Ein

Datum. Der Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal

sah.

Er schließt die Tür hinter sich. Die Matriarchin

sitzt im Salon, die Hände auf dem Schoß. Sie

sieht ihn nicht an. Sie hat ihn nie angesehen,

seit er ein Kind war. Sie hat ihn nicht gewarnt,

nicht geraten, nicht einmal begrüßt. Sie hat ihn

ignoriert.

Er fragt sich, ob sie noch lebt. Aber sie atmet.

Ihre Brust hebt sich langsam, wie ein Herz, das

nur für sich selbst schlägt. Er setzt sich ihr

gegenüber. Sie sagt nichts. Er sagt nichts. Sie

reden nicht über die Vergangenheit. Sie reden

nicht über die Gegenwart. Sie reden nicht über

die Zukunft.

Am Abend zündet er die Kerzen an. Die

Matriarchin steht auf. Sie geht in den Keller.

Er folgt ihr. Die Treppe knarrt. Die Luft ist

schwer. In der Ecke liegt ein alter

Filmprojektor. Sie stellt ihn an. Das Licht

fällt auf die Wand. Bilder laufen. Eine Familie,

eine Stadt, ein Brand. Sie zeigt es ihm. Sie

zeigt es ihm, weil er es verdient.

Er sieht sich selbst. Er sieht seine Mutter. Er

sieht die Frau, die sie getötet hat. Er sieht,

wie sie den Raum verlässt. Er sieht, wie sie ihn

zurücklässt. Er sieht, wie sie ihn allein lässt.

Als der Film endet, bleibt die Matriarchin

stehen. Sie nickt. Sie nickt, als wäre es eine

Art Absolution. Er will sie fragen, warum sie es

tat. Aber er weiß, dass sie nicht antworten wird.

Sie wird ihn nicht erklären. Sie wird ihn nicht

entschuldigen. Sie wird ihn nicht vergeben.

Er verlässt das Haus. Die Tür fällt hinter ihm

zu. Die Matriarchin bleibt unten. Sie wird nicht

sterben. Sie wird nicht gehen. Sie wird nicht

reden. Sie wird bleiben.

Die Stadt atmet weiter. Die Menschen reden nicht

über die Vergangenheit. Sie reden nicht über die

Gegenwart. Sie reden nicht über die Zukunft. Sie

reden nicht. Sie leben. Sie vergessen. Sie

verlieren.

Der Mann trägt den Schlüssel mit sich. Er hat

ihn nicht gebraucht. Er hat ihn nicht benötigt.

Aber er trägt ihn. Weil er nicht weiß, was sonst

mit ihm geschehen würde.