Die Inflation hat die Mark zerrissen, aber die
Leichen sind noch wertvoll. In der Notklinik am
Alexanderplatz versteckt Hauptmann Emil Vogt die
Leiche seiner siebzehnjährigen Tochter unter dem
Leichensack, während die Ärzte nach den letzten
Pfennigen für die Sterbeurkunde schreien. Er hat
sie nicht vergiftet. Er hat sie nicht erschossen.
Er hat sie nur nicht mehr retten können — und
jetzt braucht er 300.000 Papiermark für die
Beerdigung, bevor die Stadt sie als „staatliche
Nutzlast“ einzieht.
Der Schwarzmarkthändler namens Klaus Rüdiger
wartet hinter dem Krematorium, in einem Mantel
aus gestohlenem Samt, mit einem Koffer voller
Reichsmark, die noch riechen nach Zigaretten und
Blut. Er zahlt. Nicht aus Mitleid. Weil er sie
kennt. Weil er sie vor zwei Jahren schon einmal
gekauft hat — als sie noch lebte. Als sie ihm
das letzte Stück Seife aus ihrem Mantel gegeben
hatte, nachdem er ihr den Arzt verschafft hatte,
der sie nicht heilen konnte. Damals war sie eine
Tänzerin im „Café des Westens“. Jetzt ist sie
eine Ware.
Rüdiger bringt die Leiche nicht zum Friedhof. Er
nimmt sie in sein Haus an der Havel. Dort, unter
den zerbrochenen Spiegeln der Weimarer
Avantgarde, hat er sie schon einmal aufgebahrt —
in einem Sarg aus Buchenholz, mit einem Kranz
aus Totenblumen, die er aus dem Tiergarten
gestohlen hatte. Er hat sie damals nicht
beerdigt. Er hat sie geliebt. Und als sie starb,
hat er sie wiederbelebt — mit Eiweiß, Eis und
einer Spritze voller Morphium aus dem Lazarett.
Sie hat drei Tage geweint. Dann hat sie sich
selbst erstickt.
Heute nimmt er sie wieder. Und diesmal bringt er
sie nicht zurück.
Er legt sie in den Ofen des Krematoriums, das er
seit 1925 heimlich besitzt. Kein Amt, kein
Priester, kein Zeuge. Nur der Gestank von
verbranntem Haar und der letzte Tanz ihrer
Finger auf dem Metallgitter, als sie sich in der
Hitze noch einmal krümmte — wie damals, als sie
im Tanzsaal mit ihm tanzte, während draußen die
Nazis durch die Straßen zogen und „Juden raus!“
schrien.
Er zündet das Feuer an.
Dann geht er in die Küche, schneidet sich die
Hand auf, und träufelt Blut in den Tee, den er
ihr vor zwei Jahren immer gereicht hat.
Das Gesetz verbietet, Leichen zu verkaufen.
Das Gesetz verbietet, Tote zu lieben.
Das Gesetz verbietet, zu vergessen.
Er trinkt.
Und als die Asche auf dem Boden liegt, schreibt
er einen Brief — nicht an die Familie. Nicht an
die Polizei. An die Tochter, die nie gelebt hat.
„Du warst das Einzige, was die Welt nicht kaufen
konnte. Und jetzt hat sie dich doch.“
Er verbrennt den Brief.
Draußen läutet die Kirchenglocke.
Niemand hört sie.
Niemand wird es je wissen.
Aber die Asche riecht nach Seife.


