Der letzte Zug verlässt die Station, als das Gas
im Wagen sich verteilte. Die Passagiere sanken
zusammen, die Fenster zersplitterten unter dem
Druck. Sie blieb stehen, schob ihren Sohn hinter
sich, presste die Hand auf den Mund. Der Himmel
brannte.
Sie trug die Schutzmaske, die sie in einem Lager
gefunden hatte. Die Stadt war leer, die Straßen
voller Ruinen. Die Regierung war weg, die
Systeme zusammengebrochen. Wer überlebte, tat es
allein. Sie wusste, dass die Kinder in den Slums
hungerten, dass die Reichen in Sicherheit lebten,
aber sie hatte keine Wahl. Sie musste weiter.
Ein Mann mit einem Messer trat aus dem Schatten.
Er sagte nichts, nur: „Gib mir das Essen.“ Sie
hob die Tasche, zog den Schlüssel aus der Tasche,
warf ihn in den Abfluss. Er stach zu, sie wich
zurück, stolperte über einen Trümmerhaufen. Der
Schmerz war scharf, aber sie blieb stehen. Sie
hatte gelernt, nicht zu fliehen.
Sie fand eine Werkstatt, wo ein Schmied ein
Radio reparierte. Er nannte es „Klang des
Überlebens“. Sie fragte nach Arbeit, er nickte.
Sie bekam ein Zimmer, ein Brot, einen Brief. Ein
Brief, der ihr Leben veränderte. Er war von
ihrem Mann, der in einem anderen Lager gefangen
war. Er schrieb, dass er noch lebte, dass er sie
suchte. Sie las den Brief drei Mal, dann verbarg
sie ihn unter dem Boden.
Ein Tag später wurde sie zum Transport gezwungen.
Die Leute wurden in Lastwagen gesteckt, die in
die Stadt fuhren. Sie sah andere Mütter, andere
Kinder, alle still. Sie dachte an ihren Sohn,
der in der Werkstatt wartete. Sie griff nach dem
Messer, das sie in der Tasche trug, und stach zu.
Der Fahrer fiel, sie sprang heraus. Sie rannte,
bis die Luft ihr fehlte.
Sie kehrte zurück, fand den Schmied tot, den
Brief weg. Der Sohn war fort. Sie suchte ihn,
fand ihn bei einem Mädchen, das sie nicht kannte.
Sie hörte, wie sie lachten, wie sie über die
neuen Regeln sprachen. Es gab neue Gesetze, neue
Klassen. Die Reichen trugen Uniformen, die Armen
waren Sklaven. Sie stand vor dem Mädchen, sagte
nichts, nur: „Er ist mein Sohn.“ Das Mädchen
nickte, reichte ihr eine Mappe. Darin waren
Fotos, Dokumente, Beweise. Sie wusste, was sie
tun musste.
Sie ging in die Stadt, in das Gebäude, das jetzt
das Zentrum der Macht war. Sie brachte die Mappe,
zeigte sie den Männern in Uniformen. Sie sagte:
„Das ist euer Geheimnis.“ Sie wurde gefangen,
aber nicht getötet. Sie wurde zur Arbeit
geschickt, zur Reinigung der Stadt. Sie wusste,
dass die Kämpfe noch nicht vorbei waren. Sie
wusste, dass der Neuanfang kein Frieden war,
sondern ein Kampf.
Als sie endlich frei war, sah sie den Himmel
wieder. Er war nicht mehr rot, aber er war nicht
blau. Sie nahm den Sohn an die Hand, und sie
gingen. Sie wusste, dass die Welt nicht besser
war, aber sie wusste auch, dass sie nicht aufgab.
Sie hatte gesehen, wie die Klassen sich neu
formierten, wie die Erinnerung verschwand. Sie
hatte gesehen, wie die Menschen vergaßen. Aber
sie selbst würde nie vergessen.


