Berlin, 1929. Die Inflation frisst Münzen,

Briefe, Namen. Im Hinterhof eines ehemaligen

Sanatoriums betreibt eine Frau namens Lene eine

Privatdetektei ohne Schild, ohne Klienten, ohne

Hoffnung. Ihre einzige Einkunft:

Schwarzmarkthormone aus vergrabenen

Apothekenkellern. Sie trägt Männerkleidung,

nicht aus Rebellion, sondern weil Stoffe knapp

sind und Regen durch jedes Loch dringt.

Ein Paket erreicht sie ohne Absender. Drin: ein

gebrochener Chronometer mit eingraviertem Datum

– dem Tag, an dem ihr Vater 1919 verschwand. Der

Mechanismus reagiert auf Berührung. Bei Kontakt

rast das Zifferblatt rückwärts. Die Welt

flimmert. Sie steht plötzlich im selben Hof –

aber trocken, farbig, belebt. Ein Flügel spielt

Chopin. Soldaten in zerfetzten Uniformen tanzen

mit Krankenschwestern. Es ist 1918. Die Uhr

springt mit ihrem Puls.

Sie begreift: der Apparat nutzt biologische

Resonanz. Nur wer genetisch verbunden ist, kann

springen. Jeder Sprung zieht Haut ab –

buchstäblich. Nach drei Reisen trägt sie Narben

wie Landkarten unter dem Hemd. Die Regeln beißen:

je näher ans Zielereignis, desto größer der

Verlust. Bei Kontakt mit Blutverwandten droht

komplette Desintegration.

Sie dringt bis 1919 vor. Beobachtet ihren Vater,

einen Sanitätsarzt, wie er eine Akte verbrennt –

mit dem Stempel „Geheime Reichssache“. Doch

statt davonzulaufen, geht er auf einen jungen

Offizier zu, umarmt ihn, flüstert etwas. Kein

Verrat unter Zwang. Eine Wahl. Dann sieht sie

das Gesicht des Offiziers: es ist ihre eigene

Mutter – uniformiert, männlich präsentierend,

lebendig. Die Frau, die angeblich 1917 starb,

existiert. Und war nie krank.

Zurück in 1929 bricht Lene den Apparat nicht.

Sie legt ihn in eine Schatulle aus demselben

Holz wie der Ofen im Sanatorium. Dann verbrennt

sie alle Unterlagen über ihre Mutter – auch die

echten. Die letzte Spur verschwindet im Rauch.

Am nächsten Tag klopft ein junger Mann. Sucht

einen Detektiv für einen Fall: sein Vater sei

1919 verschwunden. Lene schließt die Tür, ohne

zu antworten. Draußen regnet es immer noch. Die

Uhr tickt nicht mehr. Die Angst schon.