Der Mann steht vor einem zerbrochenen Spiegel im

Badezimmer eines leeren Hauses. Die Wand ist mit

Kalkschichten überzogen, die sich wie Narben auf

der Haut ausbreiten. Er hat den Raum seit Jahren

nicht betreten. Die Tür hinter ihm knallt zu,

als ein Windstoß durch die Lücken der Fenster

dringt.

Ein Brief liegt auf dem Waschbecken. Er trägt

keine Adresse, nur einen Namen: Elena. Ein Name,

den er nie laut ausgesprochen hat. Der Umschlag

ist feucht, als hätte jemand ihn im Regen

aufgehoben.

Er öffnet ihn. Darin ein Foto: eine Frau, jung,

mit einem Lächeln, das zu groß für ihre Augen

ist. Sie hält ein Kind im Arm. Das Bild ist

verblasst, aber die Hände des Kindes sind

deutlich zu sehen – sie umklammern die Schulter

der Frau, als wolle sie sie nie mehr loslassen.

Die Stadt um ihn herum pulsiert. Neonlichter

blinken über den Straßen, doch die Menschen

bewegen sich wie Schatten. Ein neuer Tag beginnt,

aber niemand spricht davon, was gestern

geschehen ist.

Er geht in den Keller. Dort findet er eine Akte,

die unter dem Namen Gesellschaftskritik abgelegt

wurde. Die Dokumente sind veraltet, aber die

Schreibweise ist frisch. Eine Liste von Namen,

darunter auch Elena. Sie war Teil eines Projekts,

das unter dem Decknamen Nachkriegszeit lief. Es

sollte die Erinnerung an die Vergangenheit

auslöschen, indem man sie in eine neue Form goss.

Er liest weiter. Die Regel war klar: Keine

Fragen, keine Aufzeichnungen, keine Namen. Doch

jemand hat gegen die Regeln verstoßen. Die Akte

endet mit einem Datum – drei Tage vor der

letzten Wahl.

Er spürt, wie sich sein Herz beschleunigt. Die

Luft im Keller ist stickig, und doch bleibt er

stehen. Irgendwo in der Ferne ertönt ein Schrei,

der schnell erstickt wird.

Er verlässt das Haus. Die Straße ist leer, aber

die Fenster der Häuser sind erleuchtet. Jedes

Licht ist ein Zeichen dafür, dass jemand dort

drin sitzt und wartet. Jeder Blick, den er

erhascht, ist ein Fluchtweg.

Er geht zur Polizei. Die Tür ist verschlossen,

aber ein Schlüssel liegt unter dem Teppich. Er

öffnet sie. Im Büro sitzt ein Mann, der ihn

kennt. Der Mann fragt nicht nach dem Grund

seines Kommens. Er weiß es bereits.

Der Mann gibt ihm einen Zettel. Auf ihm steht

nur eine Nummer. Kein Name, kein Ort. Nur eine

Zahl.

Er ruft an. Eine Stimme antwortet, die er nicht

kennt. Sie fragt nach seinem Namen. Er sagt

nichts. Die Leitung wird getrennt.

Er kehrt ins Haus zurück. Die Tür ist wieder

verschlossen. Doch im Spiegel sieht er sich

selbst – nicht wie gewohnt, sondern als Fremder.

Sein Gesicht ist leer, seine Hände zittern.

Er schreibt einen Brief. Er trägt keinen Namen,

nur einen Text: Ich habe sie gesehen. Sie ist

noch da. Er legt ihn auf den Tisch.

Am nächsten Morgen ist das Haus leer. Die

Fenster sind geschlossen, die Tür verschlossen.

Auf dem Tisch liegt ein neuer Brief. Er trägt

dieselbe Handschrift, aber der Inhalt ist anders:

Du bist nicht allein.

Er schließt die Tür. Die Stadt schweigt. Doch in

der Stille ist etwas verändert.