Der Zug bremst in einem Bahnhof ohne Namen, der
Schnee schmilzt schon an den Dächern. Ein Riss
im Asphaltpfad zeigt, wo ein Haus gestern noch
stand. Sie steigt aus, Mantel kalt, Schuhsohlen
feucht. Kein Gruß, kein Weinen. Nur das Gewicht
des vergangenen Jahres in ihrer Hand: ein
Tropfen Öl auf einer Zeitungsschrift.
Zwei Jahre im Lager, vierzehn Monate Stille. Die
Dorfältesten sehen sie nicht an. Niemand fragt
nach dem Mann, den sie mitgebracht hat — den
getöteten Offizier, den sie nie begraben konnte.
Stattdessen flüstert man von den neuen Gesetzen:
Was man nicht sieht, darf man nicht wissen. Wer
danach fragt, wird als „Verbrecher“ bezeichnet,
selbst wenn es nur eine Frage war.
Sie findet die Hütte am Waldrand. Nicht
abgebrannt. Geblieben. Der Kamin steht noch,
leer, aber unversehrt. Auf dem Boden liegt ein
Foto: zwei Frauen, beide jung, eine mit einer
Zigarette zwischen den Lippen, die andere
lachend. Unter dem Bild ein Zettel: „Du hast
versprochen, zurückzukommen.“
Sie zündet die letzte Zigarette an, die sie bei
sich trägt. Rauch kräuselt sich empor, flieht
durch das Dachloch. Keine Stimme. Kein Lachen.
Doch als der Rauch sich legt, sieht sie sie dort
stehen — dieselbe Frau aus dem Foto, jetzt alt,
aber dieselbe Haltung. Sie tritt vor, zitternd,
keine Träne. Nur ein Blick, tief genug, um zu
wissen: Er hat gewartet.
Der Kamin entzündet sich von selbst. Nicht Feuer.
Licht. Blau. Wie im Winter 1945, als das Lager
brannte und niemand hörte. Die Flammen fressen
nicht Holz, sondern Erinnerungen. Sie lassen
ihre Handschuhe fallen. Beide bleiben stehen.
Eine Hand hebt sich, berührt sanft die Wange der
anderen.
Dann geht der Lichtstrom über in Wind. Das Feuer
erlischt. Alles ist wieder still. Der Kamin
bleibt leer. Die Zigarette ist bis zum Ende
geraucht.
Sie geht. Ohne Rückblick. Ohne Abschied. Aber
hinter ihr bleibt ein Geruch: Tabak, Kalk, und
etwas, das nie gesagt wurde.
Das Dorf weiß nichts. Es will nichts wissen. Und
das ist der Preis.


