In den Ruinen einer ehemals blühenden

Industriestadt, deren Name längst vergessen ist,

bewegt sich eine Gestalt ohne Worte. Der stumme

Zeuge, ein ehemaliger Arbeiter, lebt seit Jahren

in einem überfüllten Bahnhof, dessen Schienen

inzwischen zu Trümmerhalden geworden sind. Die

Stadt wurde von einem unerklärlichen Phänomen

verwüstet — ein Tag, an dem die Zeit sich selbst

aufgelöst hat. Gebäude verschwanden, Menschen

starben nicht, sondern „verloren“ sich, wie es

in den Nachrichten hieß.

Seine Welt ist ein Labyrinth aus Spiegeln, die

ihn immer wieder in eine andere Version seiner

selbst zurückwerfen. Er trägt einen alten Mantel,

der mit Zitaten aus verbotenen Liebesromanen

bedruckt ist. Jeder Tag beginnt damit, dass er

einen neuen Spiegel mustert, in dem er jemand

anderes sieht — manchmal einen Fremden, manchmal

sich selbst, aber nie das, was er wirklich ist.

Eines Morgens findet er in einem zerbrochenen

Fenster ein Porträt, das ihn zeigt, doch mit

Augen, die nicht seine eigenen sind. Unter dem

Bild steht ein Name: Elisabeth. Sie war eine

Künstlerin, die in der Zeit des

Wirtschaftswunders lebte, doch ihr Werk wurde

als politisch gefährlich gebrandmarkt. Ihre

Spuren führen ihn in ein abgelegenes Labor, wo

sie versucht hatte, die Zeit zu manipulieren.

Die Regeln dieser Welt sind klar: Wer mehr als

drei Spiegel betrachtet, wird in der

Vergangenheit gefangen genommen. Wer eine

verbotene Liebe heiratet, verliert die Fähigkeit,

sich zu erinnern. Wer die Wahrheit sieht, wird

zum Stummen.

Er folgt den Spuren ihrer Arbeit, doch jedes Mal,

wenn er einen weiteren Spiegel betritt,

verändert sich die Realität. Einmal sieht er

Elisabeth, dann einen anderen Mann, der ihre

Stimme trägt. In einer Nacht, als der Himmel in

Blutrot flimmert, trifft er auf eine Frau, die

ihm sagt: „Du bist nicht allein. Wir sind alle

gefangen.“

Als er endlich vor ihrem Labor steht, bricht der

Boden unter ihm zusammen. Die Spiegel

zerspringen, und er sieht sich selbst in tausend

Fragmenten. Doch diesmal gibt es keinen Ausweg —

die Welt, die er kannte, ist nur noch ein Traum.

Er bleibt stumm, denn jetzt weiß er, dass der

Wahnsinn nicht in ihm liegt, sondern in der Welt,

die ihn erschuf.

Er wird zum Teil der Geschichte, die niemand

erzählt.