Der Sturm brach über das Dach des Turms zusammen,
als die drei Schatten sich erstmals trafen. In
der zerstörten Bibliothek von Luthara, einem
Land, in dem Magie nicht durch Bücher, sondern
durch Blutlinien geerbt wird, fand das
Waisenkind Elara den Codex der Zwillinge. Er war
kein Buch, sondern ein lebender Geist, gefangen
in pergamentenen Seidenfalten. Sie hatte ihn
gefunden, als sie auf der Suche nach ihrer
Vergangenheit war – eine Suche, die niemand
anderen zuließ.
Die Regel: Kein Waisenkind darf den Codex
berühren. Wer es tut, wird zur Gefahr für alle.
Doch Elara war nie ein Mädchen, das sich von
Regeln abhalten ließ. Sie öffnete ihn, und aus
ihm entwichen zwei Schatten: Lys und Ryn, Brüder,
die einst ein Bündnis geschlossen hatten, um die
Magie zu stehlen, die nur den Adel kannte. Jetzt
waren sie ihr verbunden, und ihre
Dreiecksbeziehung begann mit einem einzigen
Moment – dem Bruch ihres Schwurzirkels.
Lys wählte Elara. Ryn wählte den Thron. Und so
zerbrach das Bündnis, das sie miteinander
geteilt hatten. Die Stadt schrumpfte, als der
Fluch der Zwillinge sich ausbreitete. Jeder, der
sie berührte, wurde zum Schatten – oder
verschwand. Elara sah, wie ihre Freunde in die
Dunkelheit glitten, und wusste, dass sie nun
zwischen beiden stand.
Die Regel war klar: Ein Waisenkind, das den
Codex berührt, muss sterben. Doch Elara war
nicht bereit, zu gehen. Sie suchte den Schreiner,
der den Thron gebaut hatte, einen Mann, der die
Magie kannte, die die Welt in Schach hielt. In
seinem Atelier, voller Holzsplitter und altem
Rauch, fand sie die letzte Waffe – ein Dolch aus
verfluchtem Bernstein, der den Schatten nicht
töten, sondern umkehren konnte.
Als Lys kam, um sie zu töten, nahm sie den Dolch.
Nicht gegen ihn, sondern gegen Ryn. Der Schrei
des Bruders hallte durch die Straßen, als sein
Körper in Asche zerfiel. Lys starb, weil er den
Codex nicht mehr schützen konnte. Elara blieb
allein.
Die Regel war gebrochen. Das Gleichgewicht war
neu. Die Welt war nicht mehr dieselbe. Und das
Waisenkind hatte sich entschieden. Nicht für
Macht. Nicht für Liebe. Sondern für das, was
niemand anderes tun konnte – das Unmögliche zu
retten.


