Der Mann wohnt seit einem Jahr in der ehemaligen
Villa eines verstorbenen Industriellen im
Ruhrgebiet. Die Gebäude sind leer, das Geld
knapp, und die Luft trägt den Geruch von Schweiß
und Eisen. Eines Morgens tritt eine Frau durch
die Hintertür seines Apartments, als wäre sie
Besitzerin. Sie trägt einen Mantel aus Wolle,
den er noch nie gesehen hat, und ihre Hände sind
schmutzig, aber nicht von Arbeit.
Sie nennt sich Lotte, obwohl keine Akten ihren
Namen bestätigen. Ihre Wohnung ist unberührt,
als hätte sie niemals existiert. Doch bei jedem
Schritt, den sie macht, ändert sich etwas: Ein
Bild verschwindet, ein Schrank wird plötzlich
voll, ein Fenster öffnet sich, obwohl es vorher
geschlossen war.
Der Mann beginnt zu recherchieren. Er findet
keine Spuren ihrer Existenz in alten Listen,
keine Fotos, keine Zeugen. Doch immer wieder
taucht sie auf — immer an einem anderen Tag,
immer in einem anderen Raum. Die Regeln des
Hauses sind klar: Wer hier lebt, muss vergessen
werden. Wer sich daran erinnert, verschwindet.
Lotte verschwindet nicht. Stattdessen wird sie
sichtbar, wenn er an die Vergangenheit denkt.
Wenn er sich fragt, was in dem Haus geschehen
ist, wenn er sich fragt, warum der Industrielle
sich selbst zerstört hat. Sie führt ihn durch
Räume, die nicht mehr existieren, zu Türen, die
in die Zukunft führen. Jedes Mal, wenn er
hineingeht, kehrt er in einer anderen Zeit
zurück.
Einmal stolpert er über ein Tagebuch, das nicht
ihm gehört. Es trägt seinen Namen, doch die
Handschrift ist fremd. In den Seiten steht: „Ich
habe sie getötet, um zu überleben. Aber sie ist
nicht tot. Sie ist hier. Sie wird immer hier
sein.“
Als er die letzte Seite liest, bricht die Welt
zusammen. Die Wände zittern, die Luft wird
schwer, und das Haus fängt an, sich selbst zu
löschen. Lotte steht vor ihm, ihr Gesicht ist
verzerrt, ihr Atem riecht nach Asche. Sie sagt
nichts, aber ihr Blick ist voller Schmerz.
Er rennt. Er flüchtet. Doch die Tür ist
verschlossen. Draußen wartet ein leerer
Parkplatz, kein Auto, kein Mensch. Das Haus hat
ihn gefangen. Lotte hat ihn nicht getötet — sie
hat ihn eingesperrt, in eine Zeit, in der er
nicht existiert.
Er weiß jetzt, was Überleben bedeutet: Es heißt,
zu vergessen. Es heißt, zu verschwinden. Und es
heißt, dass man nicht allein ist. Nicht einmal,
wenn man glaubt, es zu sein.


